Der Unfalltag 08. März 2023 Vierter Eintrag
Wir waren nur zwei, drei Minuten unterwegs und waren schon am Bereitschaftsdienst angekommen. Er parkte das Auto direkt vor der Türe und sprang aus dem Auto. Ich folgte ihm und wir gingen zusammen durch die Türe zum Empfang. Dort wurde den Diensthabenden sehr schnell klar, dass ich Hilfe brauchte und lotsten mich in ein Behandlungszimmer.
Ich muss gestehen, ich habe dort im ärztlichen Bereitschaftsdienst ein bisschen für Aufregung gesorgt.
Es waren plötzlich unheimlich viele weiß bekleidete Personen um mich herum und die Anspannung im Raum war sehr spürbar.
„Hast du eine Personnummer?“, fragte mich eine Person. Ja, natürlich habe ich die, gab sie auch an, meine Adresse und Telefonnummer gleich mit dazu.
„Was ist passiert?“, fragte eine andere. Das habe ich dann auch erzählt, während ich weiter auf dem Fußboden ein Punktmuster mit meinem Blut hinterließ. Natürlich fiel das auf und sie baten mich an eine Art Spülbecken und haben damit begonnen, meine Hand mit Kochsalzlösung zu spülen. Ob ich irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten hätte, wurde ich gefragt, was ich verneinte.
Das Ausspülen meiner Wunden tat überraschenderweise nicht weh. Ich hätte mit einem starken Brennen gerechnet, aber ich spürte nur eine recht angenehme Kühle. Die beiden, nur noch an einem kleinen Hautlappen hängenden Finger, wackelten im Wasserstrahl hin und her.
Was mich auch sehr überrascht hat: Ich war die Ruhe in Person, was an einem Wunder grenzt. Ich bin normalerweise das klassische und wahrscheinlich beste Beispiel dafür, wie man einen Angstpatienten beschreiben würde. Ich habe da auch eine Diagnose und bin mit dieser in Behandlung.
Ich hatte kaum Schmerzen, ich war vollständig klar und konnte allem um mich herum meine Aufmerksamkeit widmen. Sogar meinen Chef habe ich in einem Eck des Raumes auf einem Stuhl sitzen sehen, der dann, als er meine Hand ohne Bandage gesehen hatte, ziemlich das Gesicht verzogen hatte. Man sah ihm an, dass er mitfühlte. Gott, ich hätte ihm so gerne diesen Anblick erspart. Es tat mir echt leid, und tut es noch, dass ich ihn in diese Situation gebracht hatte.
Ich wurde nach dem Ausspülen auf eine Liege gebeten, ich solle mich bitte hinlegen und meine Hand wurde mit einem orangenen, an sich selbst anhaftenden Material verbunden. Ich bekam eine Paracet (Schmerzmittel), die ich nehmen sollte. Aber dabei auch streng Bescheid, dass ich sie mit so wenig Flüssigkeit wie möglich schlucken sollte.
Im Hintergrund bekam ich mit, dass angestrengt überlegt wurde, was man mit mir macht. Eine Person hat wohl mit dem Rikshospital in Oslo telefoniert. Dort war man sich nicht sicher, ob es sich rentieren würde, mich dorthin zu verfrachten. Die Fahrtzeit dort hin dauert etwa anderthalb Stunden (als Normalbürger), das Krankenhaus in Gjøvik ist deutlich näher mit nur ca. 25 Minuten. Allerdings sind in Gjøvik nur „gewöhnliche“ Chirurgen. Die führendsten Fachkräfte arbeiten im Rikshospital (Universitätsklinik) in Oslo.
„Entschuldige, Marc, wir müssen den Verband nochmal aufmachen. Wir müssen Bilder machen und nach Oslo schicken.“, sagte plötzlich eine der Mitarbeiterinnen in Weiß. „Ja gut, mach das“, antwortete ich.
Ich schaute dabei zu und habe mich innerlich so böse über mich selbst aufgeregt, was ich mir da schon wieder so eine gottverdammte Scheiße angetan habe. Das war nun echt nicht nötig! Wie sollte ich das nur meiner Partnerin erklären?
Nachdem die Bilder gemacht wurden und die Hand wieder verbunden war, kam dann auch schon das Personal vom Krankenwagen mit einer rollenden Liege in den Raum. Die wurden darüber informiert, dass sie nach Oslo ins Rikshospital fahren sollten. Die dort haben sich die Bilder angeschaut und waren der Meinung, man könnte hier noch etwas retten.
Ich wechselte die Liegemöglichkeit und wurde auf der fahrbaren Trage mit Gurten an verschiedenen Stellen angeschnallt. „Ihr dürft das Amputat nicht vergessen!“, damit war mein Zeigefinger gemeint, der wohl in der Zwischenzeit auch mit Kochsalzlösung gesäubert und feucht eingewickelt in einem neuen Plastiksack reisefertig gemacht wurde.
„Gib ihn mir bitte, ich kann drauf aufpassen“, sagte ich. „Diesmal aber etwas besser als vorher“, war mein erbärmlicher Versuch, witzig zu sein.