Der Unfalltag 08. März 2023 Fünfter Eintrag
Die Mitarbeiter des Krankenwagens fuhren mich auf der Bahre erst den Gang der Arztstation entlang, durch eine große Türe hindurch und dann standen wir schon am Krankenwagen.
Sie hingen die fahrbare Trage in eine Schiene ein und konnten mich dann mit wenig Krafteinsatz in den Krankenwagen schieben, während sich unter der Liegemöglichkeit die Beine einklappten. Da lag ich nun, um mich herum alles mögliche an medizinischer Ausrüstung. Bei den allermeisten Sachen, die ich da sah, dachte ich mir nur, „Na damit will ich aber nicht wirklich in Kontakt kommen!“.
Mir fiel dann siedend heiß ein, dass meine Freundin noch gar nicht weiß, was passiert ist. Das fuhr mir wie ein Blitz durch die Magengegend. Ich wusste nicht so ganz, wie ich es ihr beibringen soll.
Ich sagte dem inzwischen bei mir hinten im Krankenwagen eingestiegenem Notfallhelfer, dass ich zu Hause Bescheid geben muss und suchte in den Taschen der halb auf mir liegenden Winterjacke nach meinem Handy. Das war gar nicht so einfach mit nur einer zur Verfügung stehenden Hand.
Dabei gingen mir Gedanken wie „… wie sage ich ihr das denn jetzt am schonensten?“ oder „Gott, wie kann man so eine Nachricht denn überhaupt rüberbringen? Wie wird sie bloß darauf reagieren?“.
Ich habe mich entschieden, ihr eine Sprachnachricht auf WhatsApp zu schicken. Zum Telefonieren war ich nicht wirklich aufgelegt. Ich versuchte, mich dann zusammenzureissen und sagte dann im ruhigsten Ton, der mir in diesem Moment möglich war:
„Hallo Schatz… ähm.. ich komm wahrscheinlich nicht so ganz schnell nach Hause heute. Kann sein, dass ich heute gar nicht nach Hause komm… ähm… ich werd erstmal nach Oslo ins Reichshospital müssen. Ich hab mir grad… äh… ja, drei Finger abgesägt. Hm, ich meld mich dann später nochmal.“
Nein, an diesem Tag kam ich auch nicht mehr nach Hause. Auch nicht am Tag darauf. Wie wenig ich zu diesem Zeitpunkt wusste, was mich dann wirklich noch alles erwarten würde.
Dann fuhren wir los. Ich habe am Lichtspiel an der Hauswand des Gebäudes, in dem wir gerade noch waren, gesehen, dass wir mit Blaulicht fahren werden. Gut, ist wohl auch verständlich, man sollte mich ja auch schnellstmöglich nach Oslo bringen. Von Skreia aus (in dem Ort, in dem ich arbeite) sind es über Minnesund etwa anderthalb Stunden Fahrt mit dem Auto, bei normaler, erlaubter Geschwindigkeit.
„Wird dir denn leicht schlecht beim Autofahren?“, fragte mich der Notfallhelfer, was ich verneinte. „Eigentlich habe ich einen stabilen Magen, allerdings fahre ich so selten liegenderweise, mit dem Kopf in Fahrtrichtung“, sagte ich dann noch.
Die Fahrt an und für sich war zwar nicht sonderlich spannend, aber gerade die ersten etwa 20-30 Kilometer waren kein Zuckerschlecken. Die Straße, auf der wir fuhren, ist sehr kurvenreich und der Zustand davon, wie soll ich sagen? Nun, es gibt definitiv bessere Wege, mit deutlich wenigeren Schlaglöchern und sonstigen Unebenheiten. Ich bewundere immer noch die Haltbarkeit „meines“ Krankenwagens. Bei der Geschwindigkeit hätte ich meinen Volvo wahrscheinlich in Einzelteile zerlegt, nicht aber dieser Wagen. Sogar die medizinische Einrichtung blieb da, wo sie soll und wir da hinten drin wurden auch nicht neu gemischt wie ein in die Luft geworfener Kartenstapel. Mir wurde nachträglich erklärt, dass Krankenwagen eine spezielle Federung haben, daher blieb alles an seinem Platz.
In Minnesund sind wir dann auf die E6 (Europaweg), deren Zustand bedeutend besser war und das Mitfahren war merklich angenehmer. Während der Fahrt wollte dann die Begleitperson neben mir wissen, wie das mit den Fingern passiert ist und natürlich habe ich das dann auch erzählt. Er machte nebenbei ein paar Notizen auf einem kleinen laptopähnlichem Gerät, wahrscheinlich für die Notaufnahme vom Rikshospital in Oslo.
Ich war immer noch erstaunlich ruhig.
Ich machte mir nicht sehr viele Gedanken darüber, was mich nach der Fahrt mit dem Krankenwagen erwartet. Gut, ich bin ehrlich: Es liefen mir doch ab und zu ein paar Tränen an den Wangen herab, weil mich der Zustand meiner linken Hand sehr belastet hat. Aber es war eher ein „Hier und Jetzt“-Denken, als dass mich meine ständig begleitende Angst in die Gedanken- und Fantasiewelt schubst, was wohl alles Schlimme noch kommen wird und welche Qualen ich wieder überleben muss. Auch die Schmerzen in der Hand waren zwar da, aber unterm Verband versteckt, fühlte sich das eher an, als hätte ich mir die Hand nur kräftig gestossen, als dass ich mir drei Finger abgesägt hatte.
Das mit meiner Ruhe hat sich dann allerdings doch etwas geändert, als wir durch den letzten Tunnel vor dem Rikshospital gefahren sind. Der Fahrer hatte dort nicht nur das Blaulicht weiter an, sondern hat auch die Sirene des Krankenwagens angeschaltet. Es war recht laut und für mich ein in der Realität Wachwerden.
Jetzt hat mich die Angst dann doch wieder fest in den Griff bekommen und das Gedankenrasen begann. Und trotzdem wirkte alles so unwahr für mich. Ich war eher dabei statt mittendrin.
„Wir sind dann in ungefähr zwei Minuten da“, sagte meine Begleitung neben mir.
Mir kochte die Angst über. Ich fühlte mich absolut machtlos.