Der Unfalltag 08. März 2023 Dritter Eintrag
Mir wurde sofort bewusst, dass ich jetzt ein Problem habe.
Ich hatte wahnsinnig viele Gedanken im Kopf. Es war, als würde ich alle gleichzeitig denken.
Einer der ersten Gedanken war, dass ich ja nur die Augen schließen bräuchte.
Ein bisschen die Zeit zurückdrehen und alles ist wieder gut. Es kann ja schließlich nicht sein, dass mir so etwas passiert. Das ist unmöglich, ich träume doch nur!
Mein Gott, ich wusste ja gar nicht, das Knochen so strahlend weiß sind! Sind das wirklich meine Knochen?!
Scheiße, was ist da grade passiert? Meine Finger… meine Finger! Fuck, meine Finger sind ja ab!
Wo ist mein Zeigefinger, himmelherrgottnochmal, wo ist mein scheiß Zeigefinger?!
… das ist doch jetzt nicht wirklich passiert, oder?! Das gibts doch nicht. Das kann nicht passiert sein! … Fuck! … Fuck!
"Fuuuuckkk!!" - schrie ich sehr laut, "Ich brauche Hiilfeee!!"
Und damit wussten zwei meiner Arbeitskollegen aus dem Sägebereich sofort, dass bei mir etwas nicht in Ordnung ist. Ich bin sicherlich bekannt dafür, dass ich schonmal vor mich hin schimpfen kann, wenn etwas nicht so ganz hinhaut, wie ich das möchte – aber dass ich dabei derart laut werde, ist noch nie vorgekommen.
(Ich werde in der folgenden Schilderung keine Namen nennen.)
Ich hielt meine linke Hand, mit der Handinnenfläche mir zugewandt, mit der anderen fest, umfasste sie und war noch überrascht über dieses unwirkliche Gefühl, mit der rechten Hand dabei mehr oder weniger ins Leere zu greifen. Ich beugte mich dabei noch nach vorne, wie eine Verneigung, und presste dabei die Hände auf den Oberschenkel. Blut, überall ist Blut. Es lief an meinen Händen herunter, es tropfte mir auf die Schuhe, auf den Fußboden vor mir.
Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, dass Mitarbeiter 1 schon vom Bedienterminal seiner Großsäge auf dem Weg zu mir war, er rannte. „Was ist los, Bro?“, fragte er mich auf englisch, mit einem sehr ernsten, erschrockenen Gesichtsausdruck.
„Fuck, große Scheisse ist passiert! Ich habe mir die Finger abgesägt!“ antwortete ich ihm und streckte ihm meine Hände entgegen. Er verlor die Farbe in seinem Gesicht, zog mich aber dann sofort zur Seitenwand in der Halle, in der wir arbeiten. Dort war der große Erste-Hilfe-Kasten an der Wand montiert.
Er öffnete ihn und hat dann hektisch in den einzelnen Fächern nach etwas gesucht, es machte aber den Eindruck, als wüsste er nicht so ganz, wonach eigentlich.
„What do you need?“, fragte er mich – was ich bräuchte. Ich antwortete ihm, dass es mir egal sei, ich brauche auf jeden Fall etwas, was ich darumwickeln kann. Er fand dann etwas, packte es mit nervösen Händen aus und versuchte mir zu helfen, es um meinen Stumpf und den wackelnd herunterhängenden Fingern zu wickeln und sagte immer wieder: „Das sieht nicht gut aus, Bro, das sieht nicht gut aus!“ – er war sichtlich geschockt und wahrscheinlich auch ziemlich angeekelt. Was ich ihm auch in keinster Weise übel nehmen kann. Jeder normale Mensch hätte da auf diese Art der Handverletzung reagiert.
Während Mitarbeiter 1 mit mir beschäftigt war, habe ich im Augenwinkel Mitarbeiter 2 entdeckt. Kreidebleich hielt er sich das Handy ans Ohr und durch seine Antworten wurde mir klar, dass er bereits die 113 gewählt hatte und mit der Notfallzentrale im Gespräch war. Er wiederholte manches, was er gesagt bekommen hat, laut, dass ich/wir es hören konnten: „Halte deinen Arm hoch, die Hand muss ungefähr in Kopfhöhe sein, damit die Blutungen nicht so stark sind!“.
„Nein, er ist bei Bewusstsein… ja, es sieht nach sehr viel Blut aus hier…“
„Du sollst viel Druck auf die Hand geben, damit du nicht so stark blutest!“
Was mir währenddessen aufgefallen ist: Die Zeit verging gefühlt langsamer. Und normalerweise haben wir sehr viel Lärm in der Produktionshalle, aber diesen nahm ich nicht mehr wirklich wahr. Ich weiß nicht, ob diese Aktion mittlerweile schon so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, dass weniger Sägen und Maschinen in Betrieb waren, oder ob ich durch das Adrenalin in meinem Körper einfach nur alles „unwichtige“ weggefiltert habe.
Meinem Chef ist in der Zwischenzeit aufgefallen, dass etwas nicht stimmt und kam zu uns herüber. Ich kann mich noch sehr gut an seinen ungläubigen Blick erinnern, den er hatte, als er entdeckt hat, was passiert ist. Er war alles andere als angenehm überrascht, um es milde auszudrücken.
„Wir fahren jetzt zur ärztlichen Bereitschaftsdienst“, sagte er, worauf ich meinte, dass es wohl besser wäre, das zu tun. „Ich brauche aber meine Jacke. Und vor allem brauche ich meinen Zeigefinger, könnt ihr mir helfen, meinen Zeigefinger zu suchen?“, antwortete ich ihm.
Während mich Mitarbeiter 1 in unseren Bereich der Dachstuhlproduktion begleitete, damit ich am Schreibtisch meine Jacke holen und halb anziehen konnte, haben sich schon ein paar andere Mitarbeiter an der großen Tischkreissäge eingefunden und haben damit begonnen, nach meinem Finger zu suchen.
Mitarbeiter 1 und ich gingen dann zügig zur Säge zurück und dann stand ich da und beobachtete ungläubig diese Szenerie, in der sich Mitarbeiter in dem Bereich aufhielten und nach dem Finger Ausschau hielten. Einer suchte auch das Innenleben der Säge ab, um dort eventuell was zu finden. Mein Chef suchte mit und lief dann auch etwas weiter von dem unmittelbaren Bereich der Tischkreissäge weg und dann hörte ich: „Ich habe ihn!“.
Ich atmete auf, wahrscheinlich auch für jeden deutlich hörbar.
Er kam mit meinem Finger im Pinzettengriff zwischen Daumen und Zeigefinger vor sich ausgestreckt in meine Richtung und fragte: „Ist das dein Finger?“.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mich fast schon über die ungewollte Situationskomik amüsiert habe. „Was glaubst du denn, wie viele Leute sich hier grade den Finger abgesägt haben?!“, dachte ich, „Natürlich ist das meiner…“ – ich sagte aber nichts, außer einem Ja.
„Wir brauchen etwas, worin wir den Finger einpacken können.“, hörte ich jemanden sagen. Mein Chef ging recht schnell los, um sich irgendwoher einen kleinen Plastikbeutel zu besorgen. Eine gefühlte Ewigkeit später kam er damit auch wieder zurück und sagte, „Komm, ich fahre dich zum Bereitschaftsdienst!“.
Mitarbeiter 1 wich mir nicht von der Seite und lief mit mir aus dem in der Nähe gelegenen Lamellentor in den Hofbereich auf dem Firmengelände, über den wir zum Personalparkplatz gelangen. Er hatte mich die ganze Zeit gestützt, wahrscheinlich aus Angst, ich würde wegkippen.
„Hast du eine Zigarette für mich?“, fragte ich ihn. Ich hatte zwar Tabak an mir, aber das Drehen einer Zigarette stellte ich mir in diesem Moment etwas schwierig vor.
„Ich muss jetzt eine rauchen!“ – er hielt mir seine Packung hin, damit ich mir mit den Lippen eine Zigarette herausziehen konnte und er zündete sie mir an. Da wir quer durch den ganzen Außenbereich bis zum Parkplatz gehen mussten, hatte ich Zeit, ein paar wenige Züge zu machen.
Dort angekommen, öffnete mir mein Chef schon die Beifahrertür und half mir dabei, mich zu setzen. „Es tut mir leid, wenn ich dir jetzt dein Auto einsaue.“, sagte ich zu ihm, worauf er antwortete, dass es gerade Schlimmeres gäbe als das. Er stieg ein und fuhr recht zügig los.