Das Replantationsregime Teil II Die Zeit als Patient Fünfter Eintrag
Nachdem ich gerade geschildert habe, was für ein Aufwand dieses Replantationsregime für das Personal bedeutet, gehe ich jetzt über zu meinem Erlebnis davon.
Nein, absolut nicht. Ganz im Gegenteil. Ich habe wahrscheinlich noch nie im Leben zuvor so lange Stunden, Tage und Wochen gehabt, wie hier im Krankenhaus.
Ganz ehrlich? Ich frage mich mittlerweile, wie ich das überhaupt überstanden bekommen habe.
Nun lag ich da, in meiner ersten Nacht im Reichskrankenhaus, frisch operiert, absolut unsicher über meine derzeitige Situation und hundemüde. Ich hatte zwar während der OP geschlafen, aber mit einem normalen Schlaf ist das ja natürlich nicht zu vergleichen. Obwohl ich viel zu aufgewühlt war, habe ich beschlossen, dass ich ein wenig schlafen möchte – was auch eigentlich ganz gut funktioniert hat. Aber kaum hatte ich meine Augen geschlossen und war eingeschlafen, wurde ich wieder von einem Krankenpfleger geweckt.
„Hallo Marc, ich muss mir deine Hand anschauen und die Temperaturen messen. Bist du wach?“
„Sehe ich wach aus?“, dachte ich mir nur, fast schon ein wenig grantig.
Was er dann machte, ist dann die Standardaktion, die sich unzählige Male wiederholen wird:
Er hatte einen Thermometer, der einen Fühler hatte wie eine Radioantenne, um damit punktuell die Hautoberfläche zu messen. Das machte er an zwei Fingern, dem wieder angenähten Zeigefinger und dem kleinen Finger, als Referenz, der Vergleichsfinger. Die operierenden Ärzte haben dafür mit einem wasserfesten Stift extra zwei Punkte markiert, an denen die Temperaturmessung stattfinden soll. Diese Punkte befanden sich jeweils an den seitlichen Fingerspitzen.
Danach nahm er eine kleine Glasplatte, wie man sie vom Biologieunterricht von früher kennt, eine quaderformige Trägerplatte, die man unters Mikroskop legt. Mit dieser Platte drückte er gegen den Zeigefinger, nahm sie wieder vom Finger weg und kontrollierte damit die Blutfüllung vom Finger.
Anschließend hat er sich die Werte auf dem Monitor neben meinem Kopfende angeschaut. Diese stammten aus den Sensoren des Forschungsprojektes, die in Zeige- und kleinem Finger eingebracht und vernäht waren.
Zum Abschluss packte er meine Hand wieder in Kompressen, fixierte diese mit einem Stück Tape, und steckte die Hand zurück in den eigens für mich angefertigten Wattehut ein. Er lagerte meinen linken Arm in eine für mich sehr angenehme Position durch den Gebrauch von mehreren Kissen, legte abschließend dann eine kleine Decke, ähnlich dem, was man für seinen Nachwuchs im Kinderbett benutzt, darüber und darauf dann nochmal eine recht dünne, wollartige Decke.
Er schaute dann auch noch nach dem Schlauch zwischen dem Eintritt in den Körper am Schlüsselbein und der Schmerzpumpe mit dem transparenten Plastikbeutel, in dem sich mein Schmerzmedikament befindet.
Der Krankenpfleger fragte mich dann noch, ob alles gut mit mir ist und ob ich etwas bräuchte.
„Nein, danke. Im Moment ist alles den Umständen soweit ganz gut. Ich möchte nur ein bisschen schlafen, da ich mich gerädert fühle“, sagte ich.
„Dann schlaf du ein bisschen, ich komme in einer Stunde wieder. Aber wenn etwas ist, klingelst du, ja?“ und damit war er auch wieder aus dem Zimmer.
„In einer Stunde?“, dachte ich, „Wie soll ich denn dann schlafen können?“. Also gut, Schlaf in Etappen also. „Na das kann ja heiter werden!“.
Ich schlief dann wieder ein.
Und genau zur vollen Stunde war er auch wieder bei mir im Zimmer und wiederholte die oben beschriebene Prozedur, wobei er mir auch erklärte, was er tut und auch warum. Das fand ich sehr zuvorkommend, denn es kamen dann doch immer mehr Fragen bei mir auf. Er beantwortete im Grunde schon alles, bevor ich fragen konnte. Das gab mir sogar ein sehr gutes Gefühl, weil ich mich zum einen gesehen fühle und zum anderen spiegelt das die Erfahrung mit solchen Fällen wie mir wider. Der Pfleger schaute dann noch auf die andere Seite von meinem Bett und kontrollierte den Füllstand und vor allem die Farbe im Urinbeutel von meinen Katheder.
„Marc, ich glaube, du solltest ein bisschen mehr trinken. Ich sehe hier, dass dir ein wenig Flüssigkeit fehlt.“ und schenkte mir mit diesen Worten ein Glas Wasser ein. Es stand auf dem Nachttisch auf meiner rechten Bettseite eine große Karaffe und das besagte Glas. Ehrlich gesagt, ich hatte das bis eben nicht wirklich gesehen gehabt, dass das dort war.
„Wir sehen uns dann in einer Stunde wieder, Marc“, lächelte er mich an und verließ das Zimmer, aber nicht ohne nocheinmal nachzufragen, ob mir etwas fehlt.
„Alles gut, danke.“
Langsam, aber sicher stellte sich bei mir die Frage ein, wie ich diesen Stundenrhytmus durchstehen soll. Es ist ja jetzt schon sehr anstrengend, meinen Schlaf in diesem Zeitintervall zu unterbrechen. Und es ist ja nicht nur das; die neuen Geräusche um mich herum, die ungewohnte Umgebung, die Krankenhausatmosphäre und nicht zuletzt meine Ängste wegen meiner Hand, die Zukunftsaussichten, den folgenden Behandlungungen und Untersuchungen und so vieles mehr, sind nicht gerade ohne zu prozessieren.
Ich war gerade eingeschlafen, zumindest kam es mir so vor, da ging die Türe meines Zimmers schon wieder auf.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht kam die Nachtwache erneut ins Zimmer und die Kontrolle meiner Hand ging von vorne los. Diesmal hatte der Krankenpfleger die im vorhergehenden Eintrag beschriebene Broschüre dabei, „damit ich mich ein wenig belesen kann, was ich hier erleben werde“. Ich schaute mir zunächst nur die Titelseite etwas angewidert an und legte das Heftchen zur Seite. „Dankeschön. Ich werde das später lesen“, sagte ich.
Mit dieser stündlichen Unterbrechung ging es dann die ganze Nacht weiter, bis zur letzten Runde meines Krankenpflegers um etwa 6 Uhr, oder war es schon sieben? Ich bin mir, ehrlich gesagt, gar nicht mehr so sicher, wann der Nacht- in den Tagdienst wechselt, aber er war so höflich, sich dann noch von mir zu verabschieden. „Wir sehen uns dann heute Abend wieder“, sagte er freundlich lächelnd.
Kurz darauf kam dann der Frühdienst ins Zimmer. Wieder ein neues Gesicht, eine freundliche, hübsche junge Frau. Sie stellte sich mit dem Namen vor und fragte mich, wie der Unfall passiert ist und wie es mir ginge. Ich beantwortete ihre Frage nach dem, wie es sich zugetragen hat und sie hörte aufmerksam zu und gab mir das Gefühl, dass sie sich tatsächlich Zeit für mich nimmt. Nicht so, wie ich es ansonsten von Gesundheitspersonal gewohnt bin, dass man seinen ersten Satz noch nicht ganz beendet hat und man im Grunde nur noch den aufgewühlten Staub an der Stelle sieht, an der sich die Person gerade noch befunden hatte.
Nein, hier hat sie sich sogar gelassen mit der Hüfte an das Fußende meines Bettes gelehnt und hat mich ausreden lassen. Und das will was heißen! Wenn ich Angst habe bzw. nervös bin, dann sage ich entweder gar nichts, besser gesagt nicht viel, oder ich beginne zu plappern, komme vom Hundertsten ins Tausendste und finde kein Ende. Ab und zu hat sie das eine oder andere nachgefragt und geduldig zugehört.
Dann hat sie mir einen kleinen Plastikbecher auf den Nachttisch gestellt und mein Glas mit Wasser aufgefüllt. Sie sagte dann, dass das Schmerzmittel, Blutverdünnungsmittel und Antibiotika sei. Ich sollte diesen Pillencocktail morgens am besten immer zur gleichen Zeit einnehmen, damit diese Medikamente gleichmässig wirken.
Sie betrachtete auch meinen Urinbeutel seitlich am Bett und meinte, ich solle bitte darauf achten, dass ich genug trinke. Die Farbe des Beutelinhaltes sei recht dunkel und das deutet eben darauf hin, dass ich nicht genug Flüssigkeit zu mir nehmen würde.
Sie schaute auf ihre Uhr und meinte, dass sie dann gleich wieder reinkommen würde, sie müsse ja dann wieder nach meiner Hand schauen.
Es ist ein unheimlich schönes Erlebnis, dass man hier im Rikshospital das Gefühl vermittelt bekommt, dass man sich wirklich bemüht und sich Zeit für den Patienten nimmt.
Sie hielt ihr Versprechen. Pünktlich zur vollen Stunde war sie wieder in meinem Zimmer. Natürlich war sie das. Wie jede andere volle Stunde ihres Frühdienstes. Jedes Mal die gleiche Prozedur, immer freundlich, immer mit einem Lächeln im Gesicht und wenn ich wieder mal einen Durchhänger wegen meiner Angst oder meiner durchaus aufgewühlten Gefühlswelt hatte, sogar mit einem aufmunternden Blick. Sie tat alles, damit es mir den Umständen entsprechend gut ging.
Ab und zu war noch eine Kollegin mit dabei, vor allem, wenn es darum ging, das Stecklaken unter mir zu tauschen. Und das musste relativ oft getan werden, weil es recht warm im Zimmer war und kein Fenster offen stehen durfte.
Zwischendurch kam dann auch noch die Frage, ob ich mich gerne ein wenig waschen möchte. Und ja, es war definitiv an der Zeit! Ich war ja am Tag vorher noch voll in Gang an meinem Arbeitsplatz, dann der Unfall, die Operation und seit dem habe ich kein Wasser mehr gesehen.
Sie fragte mich, ob sie mich waschen soll oder ob ich es selbst versuchen wollte. Ich war einen kurzen Moment am Überlegen, ob ich sie mit dem Waschlappen über mich feudeln lassen sollte, sagte ihr aber dann, dass ich es gerne erst einmal selbst versuchen wollte. Sie könne mir dann gerne beim Rücken ein wenig helfen.
„Da komme ich so schlecht ran mit nur einem aktiven Arm und den ganzen Schläuchen an mir dran“, sagte ich.
Gesagt, getan. Oder zumindest eifrig versucht. Es ist gar nicht so leicht, wenn man sich nicht richtig bewegen kann, weil da ein Arm an einem dranhängt, der am besten nicht aus seiner gut gelagerten Position gebracht werden sollte und kaum Gefühl darin ist, ausser einer unheimlichen Schwere und teilweise ein Kribbeln, je nachdem, wie ich mich bewegte. Kontrolle über den linken Arm hatte ich überhaupt nicht.
Mir liefen zwischendurch nicht nur Schweißperlen durch das Gesicht, es waren auch Tränen dabei. Ich fühlte mich so unglaublich hilflos. Auch das Waschen zwischen den Beinen, im Bett halb sitzend, halb liegend, ist eine echte Herausforderung. Man(n) ist es ja gewohnt, dafür zwei Hände zu benutzen und muss da recht kreativ werden, damit es auch mit einer Hand funktioniert wie es soll. Ich konnte gar nicht anders als mich schlecht zu fühlen. So grundliegende Dinge wie die eigene Körperpflege gingen plötzlich nicht mehr. Zumindest nicht mehr gut.
Ein wenig grantig genoss ich dann die abschließende Hilfe beim Waschen des Rückens.
Nach der Körperpflege wurde mir dann Blut abgenommen. Das heißt, nicht sofort, weil ich als Angstpatient davor natürlich auch Angst hatte. Aber so entgegenkommend, wie das Personal im Krankenhaus war, wussten sie auch da eine super Lösung: Ich bekam ein Betäubungspflaster auf die spätere Einstichstelle, „damit du das Blutabnehmen nicht so sehr spüren wirst“, wurde mir versprochen. Und tatsächlich, es war nicht so schlimm, wie es gewöhnlicherweise für mich ist. Was mir aber einen Stoß in die Magengrube verpasst hat, war die Information, dass mir jetzt jeden Tag während meines Aufenthaltes Blut abgenommen werden würde. „Na ganz klasse!“, seufzte ich. Wenn ich es noch nicht vorher tat, spätestens jetzt begann ich mein Leben zu hassen.
„Warum muss ich denn jeden Tag eine Blutentnahme haben?“, fragte ich.
„Wir müssen den Hb-Wert besonders beobachten“, bekam ich als Antwort, „Hämoglobin ist ein Protein in den roten Blutkörperchen, das Sauerstoff zu den Organen und Geweben des Körpers transportiert und Kohlendioxid von den Organen und Geweben zurück zur Lunge transportiert. Kurz und knapp: Damit kontrollieren wir, dass du genügend Sauerstoffversorgung speziell in den Fingern hast, gerade auch, weil wir dafür sorgen, dass du permanent aus dem Zeigefinger blutest“. Fiele der Wert unter 10, müsste ich eine Bluttransfusion bekommen, das sogenannte SAG.
„Na dann hoffe ich mal, dass mir das erspart bleibt“, dachte ich mir. „Das würde mir ja grade noch fehlen.“
Nachdem sie dann mit meinem Blut verschwunden war, kam sie wieder ins Zimmer und fragte, ob ich denn gerne frühstücken wollte.
Frühstück? Eigentlich bin ich nicht unbedingt der große Frühstücker und so, wie ich mich grade fühle, habe ich auch nun wirklich keinen großen Appetit. Aber etwas essen sollte ich auch, es ist ca. 24 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit, und das war auch nicht so sonderlich viel, zwei, drei kleine Stücke selbstgebackenen Marmorkuchen in der ersten Pause, also nicht lange vor dem Unfall.
„Was habt ihr denn so zur Auswahl? Vielleicht gibt es ja etwas, was mich anmacht.“
Sie antwortete mir, indem sie erst einmal die Wangen aufblies. „Wir haben Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade … oder auch Joghurt, Müsli, eigentlich alles, was das Herz begehrt“, und schaute mich erwartungsvoll an.
Mir war nicht wirklich nach Essen zumute, also so gar nicht. Und ausserdem hat sie mir schon viel zu viel aufgezählt, ich habe es nicht so mit der Entscheidungsfreudigkeit. Vor allem, wenn ich darauf gar keine Lust habe.
„Vielleicht probiere ich es einfach mal mit Müsli, in Joghurt eingerührt. So ein Quick-Fix-Porridge“, schlug ich vor.
„Was für eine Sorte Joghurt magst du denn dazu?“ Noch mehr Entscheidungen. „Walderdbeere, Kirsche, Blaubeere, Pflaumen- und Naturjoghurt…“, fuhr sie fort. Sie hat mir wahrscheinlich meine nächste Frage schon angesehen. Ich entschied mich zögernd für Blaubeere.
„… und das Wichtigste überhaupt ist für mich eine Tasse Kaffee“, fügte ich hinzu.
„Das Müsli reicht dir als Frühstück?“, ich nickte. „Aber mit dem Kaffee, das muss ich mit dem Arzt abklären, wegen des Koffeins. Aber ich glaube, wir haben auch so einen koffeinfreien… „ – ich starb innerlich – „… Pulverkaffee…“ – das war der Todesstoß – „… den ich dir fertigmachen kann.“
Ich wollte nach Hause. Aus, Schluss, ich mag diesen ganzen Mist mit Krankenhaus und den Verletzungen nicht mehr. „Ja gerne“, sagte ich, „wenn es nicht anders geht?“
„Gut, dann bin ich gleich zurück“, sagte sie lächelnd und ging aus dem Zimmer.
Es dauerte ein paar Minuten, bis sie wieder zurück kam. Wie versprochen hatte sie mein Wannabe-Porridge mit dabei und eine dampfende Tasse mit schwarzer, kaffeeähnlicher Flüssigkeit darin. Sie servierte mir das auf einem Tablett, auf dem auch ein Glas mit Trauben, frisch geschnittenen Orangen- und Melonenscheiben stand. Das war richtig nett!
„Ich stelle dir das hier mal auf deinen Nachttisch. Wenn du dein Kopfteil ein wenig hochfährst, schiebe ich dir dein Frühstück ein wenig näher an dich heran“, lächelte sie mich an. „Kommst du damit klar oder brauchst du Hilfe?“
„Ich versuche es einfach mal. Ich komme schon irgendwie zurecht.“
Sie füllte mir auch gleich die schon auf dem Nachttisch stehenden Glaskaraffe mit frischem, kaltem Wasser auf und schenkte mir das Glas voll. „Trinken nicht vergessen“, zwinkerte sie mir zu.
„Das mit dem Kaffee muss ich immer noch abklären, das mache ich dann auch gleich noch.“
Ich bedankte mich herzlich und schaute ihr hinterher, als sie wieder das Zimmer verließ.
Absolut appetitlos und deprimiert versuchte ich mich an meinem Frühstück, aber nicht ohne vorher am Kaffee zu nippen. Ich meine, ich habe schon einigen schlechten Kaffee getrunken, aber das hier dürfte warscheinlich die Krönung sein. Nein, nicht die von Jacobs.
Das Müsli schmeckte dann irgendwie doch nicht so schlecht wie zuvor angenommen. Ich aß ein paar Löffel davon, wobei ich merkte, dass das gar nicht so einfach ist, wenn man nur einen Arm zur Verfügung hat, während der andere Arm „verkabelt“ und ab der Schulter taub nur als besserer Briefbeschwerer taugt. Ich wollte das Kopfteil auch nicht noch weiter hochfahren, weil ich Angst hatte, dass ich dadurch die Lagerung des linken Arms verschlechtere und eventuell die Kanüle in meiner Schulter nicht mehr genug Betäubungsmittel an den Nerv pumpen kann.
… to be continued …